Die Parallelen in den Mechanismen rund um den Klimakollektiv Gelsenkirchen Konflikt und historischen, psychologischen Experimenten
Third-Wave-Experiment im Vergleich zu beschriebenen Dynamiken in Gutachten und Langpublikation zum Klimakollektiv Gelsenkirchen (am as-institut.de) und zur informellen Gerichtsbarkeit.
1. Geschlossene Deutungsräume statt pluraler Aushandlung
Im Third-Wave-Experiment entsteht in wenigen Tagen ein geschlossener Deutungsraum: Der Lehrer definiert Regeln („Strength through discipline“, „Strength through community“), führt neue Umgangsformen, Symbole und einen Gruß ein. Kritik oder Distanz werden nicht als normale Varianten behandelt, sondern als Abweichung von der Bewegung.
Im Klimakollektiv-Fall beschreibt das Gutachten und die Publikation Informelle Gerichtsbarkeit [PIG] eine sehr ähnliche Struktur – allerdings nicht als pädagogisch angekündigtes Experiment, sondern als reale Ausschlussdynamik:
• Der Awareness-Bericht beginnt mit „Triggerwarnung: Missbrauch“ und der Aufforderung, aufmerksam zuzuhören. Damit wird von Anfang an eine bestimmte Lesart nahegelegt und eine „parteiliche Betroffenheitsgemeinschaft“ adressiert.
• Die Erzählung wechselt rasch von individueller Erfahrung zu einem kollektiven „wir/alle“ und verbindet Einzelforwürfe mit großformatigen Diagnosen über „patriarchale Gesellschaft“, „systematische Probleme“ und „Nulltoleranz“. Abweichende Deutung wird nicht als eine Variante unter mehreren, sondern als Gefahr markiert.
In beiden Fällen entsteht ein Binnenraum, in dem Sprache und Symbolik so gerahmt sind, dass Widerspruch strukturell erschwert wird: Die zentrale Erzählung definiert, was als „richtig“ gilt, und schiebt alternative Sichtweisen an den Rand.
2. Nulltoleranz, Generalverdacht und Konformitätsdruck
Im Third-Wave-Setting ist Konformität explizit belohnt: Wer die Regeln befolgt, gehört dazu und erfährt Aufwertung; wer sich entzieht, wird sichtbar abgesetzt. Informelle Überwachung durch Schüler:innen („Melden von Regelverstößen“) verstärkt das.
Die Parallele im Klimakollektiv-Konflikt verläuft über den Nulltoleranz-Diskurs und die Konstruktion von Mitschuld:
• Der Bericht arbeitet mit einer Steigerungslogik der Vorwürfe und setzt auf Kollektivschuld: Wer die Deutung nicht teilt, nicht aktiv für den Ausschluss eintritt oder Neutralität wahrt, gilt als „mitschuldig“ bzw. als Verteidiger „problematischer Strukturen“. Neutralität wird explizit als Täterschutz markiert.
• Das Gutachten hält fest, dass der Generalverdacht sich „nicht mehr nur auf Einzelne, sondern zunehmend auf jeden“ richtet, der Zweifel oder Zurückhaltung äußert – mit der Folge einer Atmosphäre von Konformitätsdruck und Angst.
Mechanisch ist das sehr nah an Third-Wave: Loyalität wird nicht mehr an Verhalten im Einzelfall gekoppelt, sondern an Zustimmung zur dominanten Deutung. Der Raum für Zwischentöne, Vermittlung oder Skepsis schrumpft.
VEGAN an der Ruhr-Universität Bochum